NEWS | URTEILE

WELT ONLINE 19.11.2007

Verstärkter Kampf gegen Drogen im Straßenverkehr

Schleswig-Holsteins Polizei verstärkt den Kampf gegen Drogen am Steuer. Deshalb werden zurzeit landesweit Polizisten mit Praxisübungen in der „Drogen-Erkennung“ gedrillt. 2006 zählte die Polizei 125 Verkehrsunfälle unter Drogeneinfluss. Das Kernproblem ist in einem Satz beschrieben: „Schnaps riecht, Drogen nicht“, sagt der stellvertretende Leiter des Polizeibezirksreviers Kiel, Joachim Voß. Deshalb können Polizisten Drogenmissbrauch nicht „nebenher“ mit ihrer Nase erschnüffeln. Die Beamten müssen erst lernen, wie man Autofahrer erkennt, die Rauschgift genommen haben.

In Kiel gibt es seit Januar 2005 eine „Spezialeinheit“, die Jagd auf drogenbenebelte Fahrer macht: Eine Hand voll Beamte, die nach diversen Lehrgängen und durch die tägliche Praxis einen Spürsinn für Konsumenten von Marihuana, Kokain und andere illegale Substanzen entwickelt haben. Ihre Erfolgsbilanz ist zugleich beunruhigend, sagt Joachim Voß: Die Spezialisten ziehen in der Landeshauptstadt jedes Jahr mehr als 400 Autofahrer aus dem Verkehr, die unter Rauschgift-Wirkung stehen.

„Ein Autofahrer unter Drogen ist für die anderen Verkehrsteilnehmer ein ebenso großes Risiko wie Alkohol am Steuer“, erklärt Ingo Schopp von der Polizeidirektion Itzehoe. Dabei scheint die offizielle Unfallstatistik auf den ersten Blick etwas anderes auszusagen. In ganz Schleswig-Holstein zählte die Polizei im Jahr 2006 nämlich nur 125 Verkehrsunfälle unter Drogeneinfluss, sagt der Sprecher der Landespolizei, Bernd Drescher. Das war im Vergleich zu 2005 eine Steigerung um fünf Prozent. Doch die Dunkelziffer ist groß, schildert Joachim Voß: Denn wie beim Alkohol endet nicht jede Drogenfahrt mit einem Unfall. Wenn doch, hatten bislang viele Unfallfahrer Glück, da drogenunerfahrene Polizisten einen Missbrauch oft nicht erkennen.

„Alkohol ist jedem Polizisten geläufig und die Tests sind sofort zur Hand: Die Verdächtigen müssen nur Pusten.“ Um Drogen zu erkennen, benötigt ein Beamter Fachwissen: „Die Palette der Verdachtsmomente ist weitaus größer“, erklärt Joachim Voß. Zu den ersten Verdachtsmomenten gehören unter anderem eine lallende, verwaschene Aussprache und ein müdes, träges Verhalten. Aber auch eine außergewöhnliche Aufgekratztheit kann ein Indiz sein. „Eine träge Pupillenreaktion kann man durch Ausleuchten der Pupille mit einer Taschenlampe erkennen, dazu kommen Befragungen nach Drogenkonsum.“

Bild: TestUm den ersten Verdacht zu erhärten, bitten die Beamten den Fahrer zu einem Urintest „in der Regel an Ort und Stelle in einem Gebüsch - dabei sind die Beamten so diskret wie möglich“, sagt Voß. Der frische Urin wird dann mit einem Schnelltest untersucht. Das ist ein Plastikkärtchen in doppelter Scheckkartengröße. Darin sind Vertiefungen mit Chemikalien, die jeweils auf eine bestimmte Drogenfamilie mit Verfärbung reagiert. Mit einer Pipette wird in jede der Vertiefungen ein Tröpfchen Urin hinein geträufelt.

Immer wieder versuchen Fahrer, die Beamten beim Urintest auszutricksen. Sie ersetzen ihren Urin durch Tau von Blättern, durch Regen oder Speichel, oder sie nehmen einen Schluck aus einer Saftflasche im Mund mit zur Urinprobe. Das ist wie beim Abschreiben in der Schule: „Unsere Kollegen haben mittlerweile alle Schlitzohrigkeiten mindestens fünf Mal erlebt, denen gaukelt niemand mehr etwas vor“, sagt Voß. Bei positivem Schnelltest folgt auf der Polizeiwache eine Blutentnahme.

Bei einer Drogenkontrolle werden - anders als bei herkömmlichen Fahrzeugkontrollen - nicht alle Autos gestoppt, sondern gezielt Autofahrer geprüft. „Bevor man einen Fahrer positiv testet, hat man vorher fünf andere kontrolliert“, sagt Voß. Beim Praxisseminar „Drogenerkennung im Straßenverkehr“ der Polizeidirektion Itzehoe vor einigen Tagen zogen die Beamten in den Kreisen Steinburg und Dithmarschen binnen 24 Stunden 40 Auto- und Zweiradfahrer aus dem Verkehr, die alle unter Drogen standen. Mit dieser hohen Zahl habe er durchaus gerechnet, sagt Polizeiausbilder Bernd Penter aus Eutin.

Diese 40 erwischten Fahrer werden jetzt tief in ihr Portemonnaie greifen müssen: Die Ordnungswidrigkeit kann bis zu 1.500 Euro Geldbuße kosten. Dazu kommen die Kosten für die Blutprobe, für die Analyse von Blut, Urin und Haaren, für die medizinisch-psychologische Untersuchung sowie für Verwaltungskosten. Das sind in der Regel noch einmal 1.500 bis 2.000 Euro, weiß Prof. Hans-Werner Schütz vom Institut für Rechtsmedizin in Kiel. Zusätzlich müssen sie noch mit einem kurzen Fahrverbot oder gar einem Führerscheinentzug rechnen.

Wolfgang Runge (DPA)

NEWS | URTEILE

WELT ONLINE 19.11.2007

Verstärkter Kampf gegen Drogen im Straßenverkehr

Schleswig-Holsteins Polizei verstärkt den Kampf gegen Drogen am Steuer. Deshalb werden zurzeit landesweit Polizisten mit Praxisübungen in der „Drogen-Erkennung“ gedrillt. 2006 zählte die Polizei 125 Verkehrsunfälle unter Drogeneinfluss. Das Kernproblem ist in einem Satz beschrieben: „Schnaps riecht, Drogen nicht“, sagt der stellvertretende Leiter des Polizeibezirksreviers Kiel, Joachim Voß. Deshalb können Polizisten Drogenmissbrauch nicht „nebenher“ mit ihrer Nase erschnüffeln. Die Beamten müssen erst lernen, wie man Autofahrer erkennt, die Rauschgift genommen haben.

In Kiel gibt es seit Januar 2005 eine „Spezialeinheit“, die Jagd auf drogenbenebelte Fahrer macht: Eine Hand voll Beamte, die nach diversen Lehrgängen und durch die tägliche Praxis einen Spürsinn für Konsumenten von Marihuana, Kokain und andere illegale Substanzen entwickelt haben. Ihre Erfolgsbilanz ist zugleich beunruhigend, sagt Joachim Voß: Die Spezialisten ziehen in der Landeshauptstadt jedes Jahr mehr als 400 Autofahrer aus dem Verkehr, die unter Rauschgift-Wirkung stehen.

„Ein Autofahrer unter Drogen ist für die anderen Verkehrsteilnehmer ein ebenso großes Risiko wie Alkohol am Steuer“, erklärt Ingo Schopp von der Polizeidirektion Itzehoe. Dabei scheint die offizielle Unfallstatistik auf den ersten Blick etwas anderes auszusagen. In ganz Schleswig-Holstein zählte die Polizei im Jahr 2006 nämlich nur 125 Verkehrsunfälle unter Drogeneinfluss, sagt der Sprecher der Landespolizei, Bernd Drescher. Das war im Vergleich zu 2005 eine Steigerung um fünf Prozent. Doch die Dunkelziffer ist groß, schildert Joachim Voß: Denn wie beim Alkohol endet nicht jede Drogenfahrt mit einem Unfall. Wenn doch, hatten bislang viele Unfallfahrer Glück, da drogenunerfahrene Polizisten einen Missbrauch oft nicht erkennen.

„Alkohol ist jedem Polizisten geläufig und die Tests sind sofort zur Hand: Die Verdächtigen müssen nur Pusten.“ Um Drogen zu erkennen, benötigt ein Beamter Fachwissen: „Die Palette der Verdachtsmomente ist weitaus größer“, erklärt Joachim Voß. Zu den ersten Verdachtsmomenten gehören unter anderem eine lallende, verwaschene Aussprache und ein müdes, träges Verhalten. Aber auch eine außergewöhnliche Aufgekratztheit kann ein Indiz sein. „Eine träge Pupillenreaktion kann man durch Ausleuchten der Pupille mit einer Taschenlampe erkennen, dazu kommen Befragungen nach Drogenkonsum.“

Bild: TestUm den ersten Verdacht zu erhärten, bitten die Beamten den Fahrer zu einem Urintest „in der Regel an Ort und Stelle in einem Gebüsch - dabei sind die Beamten so diskret wie möglich“, sagt Voß. Der frische Urin wird dann mit einem Schnelltest untersucht. Das ist ein Plastikkärtchen in doppelter Scheckkartengröße. Darin sind Vertiefungen mit Chemikalien, die jeweils auf eine bestimmte Drogenfamilie mit Verfärbung reagiert. Mit einer Pipette wird in jede der Vertiefungen ein Tröpfchen Urin hinein geträufelt.

Immer wieder versuchen Fahrer, die Beamten beim Urintest auszutricksen. Sie ersetzen ihren Urin durch Tau von Blättern, durch Regen oder Speichel, oder sie nehmen einen Schluck aus einer Saftflasche im Mund mit zur Urinprobe. Das ist wie beim Abschreiben in der Schule: „Unsere Kollegen haben mittlerweile alle Schlitzohrigkeiten mindestens fünf Mal erlebt, denen gaukelt niemand mehr etwas vor“, sagt Voß. Bei positivem Schnelltest folgt auf der Polizeiwache eine Blutentnahme.

Bei einer Drogenkontrolle werden - anders als bei herkömmlichen Fahrzeugkontrollen - nicht alle Autos gestoppt, sondern gezielt Autofahrer geprüft. „Bevor man einen Fahrer positiv testet, hat man vorher fünf andere kontrolliert“, sagt Voß. Beim Praxisseminar „Drogenerkennung im Straßenverkehr“ der Polizeidirektion Itzehoe vor einigen Tagen zogen die Beamten in den Kreisen Steinburg und Dithmarschen binnen 24 Stunden 40 Auto- und Zweiradfahrer aus dem Verkehr, die alle unter Drogen standen. Mit dieser hohen Zahl habe er durchaus gerechnet, sagt Polizeiausbilder Bernd Penter aus Eutin.

Diese 40 erwischten Fahrer werden jetzt tief in ihr Portemonnaie greifen müssen: Die Ordnungswidrigkeit kann bis zu 1.500 Euro Geldbuße kosten. Dazu kommen die Kosten für die Blutprobe, für die Analyse von Blut, Urin und Haaren, für die medizinisch-psychologische Untersuchung sowie für Verwaltungskosten. Das sind in der Regel noch einmal 1.500 bis 2.000 Euro, weiß Prof. Hans-Werner Schütz vom Institut für Rechtsmedizin in Kiel. Zusätzlich müssen sie noch mit einem kurzen Fahrverbot oder gar einem Führerscheinentzug rechnen.

Wolfgang Runge (DPA)